Bei Allzeithoch noch in ETFs einsteigen?
Die Kurse stehen auf Rekordhoch — und du zögerst einzusteigen, aus Angst, den Höchststand zu erwischen. Warum genau dieses Zögern selten klug ist und wie du mit Allzeithochs souverän umgehst.


Es ist eines der hartnäckigsten Gefühle beim Investieren: Die Börse steht auf einem Allzeithoch, und ausgerechnet jetzt soll man einsteigen? Das fühlt sich an, als kaufe man am teuersten Punkt. Die Frage „Soll ich bei Allzeithoch noch in ETFs einsteigen?“ hält unzählige Menschen davon ab, überhaupt anzufangen — und genau dieses Zögern kostet meist mehr, als es schützt.
Der Denkfehler dahinter ist verständlich, aber folgenschwer. Wer auf einen Rücksetzer wartet, behandelt das Allzeithoch als Ausnahme. In Wahrheit ist es bei langfristig steigenden Märkten der Regelfall.
Allzeithochs sind normal
Über die lange Frist steigen breite Aktienmärkte — getrieben von Wirtschaftswachstum, Unternehmensgewinnen und Inflation. Das bedeutet: Neue Allzeithochs werden ständig erreicht, oft an Dutzenden Tagen pro Jahr. Ein Index, der über Jahrzehnte steigt, verbringt zwangsläufig viel Zeit nahe oder auf Rekordniveau. Das Hoch ist also kein Zeichen für „zu teuer“, sondern Ausdruck eines funktionierenden, wachsenden Marktes.
Was die Daten zeigen
Untersuchungen über lange Zeiträume kommen zu einem kontraintuitiven Ergebnis: Wer ausgerechnet an Allzeithochs investierte, schnitt im Durchschnitt nicht schlechter ab als wer an beliebigen Tagen kaufte — oft sogar etwas besser. Der Grund: Auf ein Allzeithoch folgt häufiger ein weiteres als ein Crash. Märkte mit Aufwärtstrend bleiben tendenziell im Aufwärtstrend, bis etwas Größeres passiert.
Die Kosten des Wartens
Wer auf den Rücksetzer wartet, geht eine stille Wette ein — und verliert sie oft. Während man auf den vermeintlich besseren Einstieg lauert, steigen die Kurse weiter, und der erhoffte Tiefpunkt liegt am Ende über dem heutigen Kurs. Selbst wenn doch ein Einbruch kommt, steigt kaum jemand mutig im Tief ein; dann ist die Angst nämlich noch größer. So bleibt das Geld jahrelang unbeteiligt auf dem Konto und verliert real an Wert.
Der Sparplan nimmt die Frage weg
Die eleganteste Lösung ist, sich die Frage gar nicht erst zu stellen: Wer regelmäßig per Sparplan investiert, kauft automatisch mal höher, mal tiefer und muss nie über den richtigen Zeitpunkt grübeln. Der Sparplan macht das Timing irrelevant und nimmt dem Allzeithoch seinen Schrecken. Genau das ist einer seiner größten psychologischen Vorteile.
Wenn du eine größere Summe hast
Steht eine größere Einmalsumme an und das Allzeithoch macht dich nervös, kannst du sie über einige Monate gestreckt investieren. Das mindert nicht die statistische Logik (sofort wäre im Schnitt besser), aber es nimmt dir die Angst, alles am Hoch eingesetzt zu haben — und bewahrt dich vor Panikverkäufen, falls es doch kurz nach unten geht. Ruhe schlägt hier die letzten Zehntelprozente Rendite.
Der eigentliche Risikohebel ist die Zeit
Ob du am Allzeithoch oder nach einem Rücksetzer einsteigst, ist über einen Anlagehorizont von zwanzig oder dreißig Jahren fast bedeutungslos. Was wirklich zählt, ist, wie lange dein Geld investiert bleibt. Ein etwas höherer Einstiegskurs heute wird von Jahrzehnten Zinseszins mühelos ausgeglichen. Wer wegen des Allzeithochs gar nicht einsteigt, verliert dagegen die wertvollste Ressource überhaupt: Zeit.
Der Vergleich, der alles relativiert
“Ein Allzeithoch fühlt sich an wie der teuerste Moment zum Einsteigen. Tatsächlich ist es bei langfristig steigenden Märkten der Normalzustand — kein Warnsignal.”
Stell dir zwei Anleger vor: Der eine investiert konsequent nur an Allzeithochs, der andere an völlig zufälligen Tagen. Über lange Zeiträume liegt der Allzeithoch-Investor am Ende oft sogar leicht vorn — weil Allzeithochs in Aufwärtsmärkten gehäuft auftreten und meist weitere folgen. Auf einen schweren Crash folgt zwar irgendwann einer, aber ihn vorherzusagen gelingt niemandem verlässlich. Diese kontraintuitive Erkenntnis nimmt dem Rekordstand seinen Schrecken.
Bewertung ist nicht dasselbe wie Allzeithoch
Ein häufiger Denkfehler ist, ein Allzeithoch mit „teuer bewertet“ gleichzusetzen. Beides ist nicht dasselbe. Der Kurs kann auf Rekordniveau stehen, während die Bewertung — gemessen etwa an den Unternehmensgewinnen — moderat ist, weil auch die Gewinne gestiegen sind. Umgekehrt kann ein Markt nach einem Absturz billig wirken und trotzdem weiter fallen. Für den breit gestreuten, langfristigen ETF-Sparer sind solche Bewertungsfragen ohnehin zweitrangig.
Die Angst hat einen Namen
Was uns am Allzeithoch zögern lässt, ist die sogenannte Verlustaversion: Die Vorstellung, ausgerechnet am Höchststand gekauft zu haben, schmerzt stärker, als ein entgangener Gewinn freut. Dieses psychologische Ungleichgewicht ist menschlich, aber ein schlechter Ratgeber. Wer es kennt, kann ihm bewusst widerstehen — am einfachsten, indem er die Entscheidung dem Sparplan überlässt.
Geduld schlägt Timing
Am Ende ist der Einstiegszeitpunkt über zwanzig oder dreißig Jahre fast bedeutungslos gegenüber der Frage, wie lange das Geld investiert bleibt. Ein etwas höherer Einstieg heute wird von Jahrzehnten Zinseszins mühelos eingeholt. Der einzige wirklich teure Fehler ist, wegen des Allzeithochs gar nicht erst anzufangen.
Was die Schlagzeilen verschweigen
Wenn die Börse Rekorde bricht, sind die Medien voll von Warnungen vor dem nächsten Crash. Solche Schlagzeilen verkaufen sich gut, sind als Anlageberatung aber wertlos — sie erscheinen bei fast jedem Hoch und treffen nur selten zu. Wer sein Handeln an Crash-Prognosen ausrichtet, wartet meist jahrelang vergeblich und verpasst dabei genau die Kursgewinne, vor denen gewarnt wurde.
Die nüchterne Wahrheit ist, dass niemand den nächsten Einbruch zuverlässig vorhersagen kann — weder Journalisten noch Profis. Genau deshalb ist es sinnlos, auf das perfekte Signal zu warten, statt einfach investiert zu sein.
Wer dem Lärm widerstehen will, hat ein einfaches Werkzeug: den Sparplan. Er kauft stur weiter, ignoriert Schlagzeilen und nimmt dir jede Allzeithoch-Frage ab. Ruhe und Regelmäßigkeit schlagen das Reagieren auf Nachrichten fast immer.
Wer das verinnerlicht, verliert die Angst vor dem Rekordstand ein für alle Mal und kann ruhig investiert bleiben.
Bei Allzeithoch in ETFs einzusteigen fühlt sich falsch an und ist trotzdem meist richtig. Das Hoch ist der Normalzustand eines wachsenden Marktes, kein Warnsignal. Wer per Sparplan investiert, umgeht die Frage ohnehin; wer eine große Summe hat, kann sie zur Beruhigung strecken. Der teuerste Fehler ist nicht der Einstieg am Hoch, sondern das ewige Warten auf einen perfekten Moment, der nie eindeutig kommt.



