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Der ETF-Entnahmeplan: vom Vermögen leben

Jahrzehnte aufgebaut — und dann? Wie ein ETF-Entnahmeplan funktioniert, mit dem du im Ruhestand regelmäßig Geld entnimmst, ohne dein Depot zu früh aufzuzehren.

Patrick
Patrick
Autor · Körper & passives Investieren
17. MÄRZ 20268 MIN LESEZEIT
Symbolbild zum ETF-Entnahmeplan im Ruhestand

Über das Ansparen mit ETFs wird viel geschrieben. Über das Gegenteil — das geordnete Entnehmen im Ruhestand — kaum. Dabei ist der ETF-Entnahmeplan die Phase, in der sich entscheidet, ob das mühsam aufgebaute Vermögen ein Leben lang trägt. Wer vom Depot leben will, braucht eine Strategie, die zwischen zwei Gefahren balanciert: zu wenig zu entnehmen und unnötig zu darben — oder zu viel und das Kapital vorzeitig aufzuzehren.

Ein ETF-Entnahmeplan ist im Kern simpel: Statt monatlich einzuzahlen, verkaufst du regelmäßig Anteile oder lässt dir Ausschüttungen auszahlen und überweist dir daraus ein „Gehalt“. Die Kunst liegt nicht im Mechanismus, sondern in der richtigen Höhe und im Umgang mit schwankenden Märkten.

Der Unterschied zur Ansparphase

In der Ansparphase sind fallende Kurse dein Freund: Du kaufst günstiger ein. In der Entnahmephase kehrt sich das um. Wenn du ausgerechnet in einem Crash Anteile verkaufen musst, um deine Entnahme zu decken, realisierst du Verluste und es bleiben weniger Anteile übrig, die sich später erholen können. Dieses Risiko — in den ersten Jahren der Entnahme auf einen Einbruch zu treffen — ist die größte Bedrohung für jeden Auszahlplan.

Wie viel kann man entnehmen?

Als Faustregel dient die berühmte 4-Prozent-Regel: jährlich rund vier Prozent des Startvermögens, inflationsangepasst. Für Deutschland mit seiner höheren Steuerlast gilt jedoch eine vorsichtigere Rate von etwa drei bis dreieinhalb Prozent als robuster. Bei einem Depot von 500.000 Euro wären das grob 15.000 bis 17.500 Euro im Jahr. Diese Zahl ist kein Naturgesetz, sondern ein Ausgangspunkt, den man an die eigene Lage anpasst.

Der Cash-Puffer als Schutzschild

Die wirksamste Absicherung gegen das Crash-Risiko ist ein Liquiditätspolster. Wer zwei bis drei Jahresentnahmen auf einem Tagesgeldkonto vorhält, muss in einem Börseneinbruch keine Anteile verkaufen, sondern lebt vorübergehend vom Puffer und gibt dem Depot Zeit zur Erholung. Erst wenn die Kurse wieder gestiegen sind, füllt man den Puffer aus dem Depot nach. Dieses einfache Prinzip entschärft die gefährlichste Phase enorm.

Feste oder flexible Entnahme?

Bei der festen Entnahme nimmst du jedes Jahr denselben (inflationsangepassten) Betrag — planbar, aber starr. Bei der flexiblen Entnahme passt du die Höhe an die Marktlage an: In guten Jahren etwas mehr, in schwachen Jahren bewusst weniger. Die flexible Variante schont das Kapital deutlich, verlangt aber Disziplin, in mageren Jahren den Gürtel enger zu schnallen. Viele kombinieren beides: eine feste Basis plus variable Aufschläge in guten Jahren.

Ausschüttend oder verkaufen?

Manche bevorzugen in der Entnahmephase ausschüttende ETFs, weil die regelmäßigen Ausschüttungen Cashflow liefern, ohne dass man aktiv verkaufen muss. Das ist psychologisch angenehm, deckt aber selten den vollen Bedarf — die Ausschüttungsrendite breiter ETFs liegt meist unter der gewünschten Entnahmequote. In der Praxis kombiniert man Ausschüttungen mit gezielten Anteilsverkäufen. Wichtiger als die Methode ist, dass die Gesamtentnahme nachhaltig bleibt.

Steuern in der Entnahme

Beim Verkauf von Anteilen wird nur der Gewinnanteil besteuert, nicht das ursprünglich eingezahlte Kapital. Das macht die reale Steuerlast oft kleiner, als viele fürchten. Der jährliche Sparerpauschbetrag lässt sich auch in der Entnahmephase nutzen. Wer geschickt vorgeht — etwa Anteile mit geringem Gewinnanteil zuerst verkauft oder Gewinne über Jahre verteilt —, kann die Steuer zusätzlich glätten.

“Vermögen aufzubauen ist die eine Disziplin. Es wieder auszugeben, ohne dass es vorzeitig schmilzt, ist die unterschätzte zweite.”

Früh genug planen

Ein Entnahmeplan beginnt nicht am ersten Rentamtag, sondern Jahre vorher. In der Übergangsphase lohnt es sich, den Cash-Puffer aufzubauen, die Aktienquote bei Bedarf etwas zu senken und die eigene Wunschentnahme realistisch durchzurechnen. Wer das Depot bis zum letzten Tag voll in Aktien hält und dann sofort entnehmen will, geht ein vermeidbar hohes Risiko ein.

Welche Anteile zuerst verkaufen?

Beim Verkauf gilt in Deutschland das FIFO-Prinzip: Die zuerst gekauften Anteile gelten als zuerst verkauft. Da diese ältesten Anteile meist die höchsten Kursgewinne tragen, lösen sie auch die höchste Steuer aus. Wer das weiß, kann größere Verkäufe über mehrere Jahre verteilen, um den Sparerpauschbetrag mehrfach zu nutzen und Gewinne zu glätten. Steuerlich geschickt zu entnehmen kann über die Jahre einige tausend Euro ausmachen.

Die Aktienquote im Alter

Eine verbreitete Sorge ist, im Ruhestand zu stark in Aktien investiert zu sein. Tatsächlich braucht ein Entnahmeplan, der dreißig Jahre oder länger tragen soll, weiterhin einen ordentlichen Aktienanteil, um die Inflation zu schlagen — komplett auf sichere, aber renditeschwache Anlagen umzuschichten würde das Kapital eher gefährden. Der Cash-Puffer übernimmt die kurzfristige Sicherheit, während der Aktienteil weiter für Wachstum sorgt. Diese Aufteilung ist robuster als ein vermeintlich sicheres reines Zinsdepot.

Regelmäßig überprüfen

Ein Entnahmeplan ist kein Autopilot. Einmal im Jahr lohnt der nüchterne Blick: Wie hat sich das Depot entwickelt, ist der Cash-Puffer noch gefüllt, passt die Entnahmehöhe noch? In sehr guten Jahren kann man den Puffer auffüllen, in schwachen bewusst etwas kürzertreten. Diese jährliche Feinjustierung hält den Plan über Jahrzehnte stabil.

Die Brücke bis zur gesetzlichen Rente

Ein Entnahmeplan muss nicht für immer denselben Betrag liefern. Viele nutzen ihn als Brücke: In den Jahren zwischen dem Ausstieg aus dem Beruf und dem Beginn der gesetzlichen Rente entnimmt man mehr, danach weniger, weil die Rente einen Teil übernimmt. Diese variable Planung schont das Kapital und passt den Auszahlplan an die tatsächlichen Einkommensquellen über die Zeit an.

Auch andere Bausteine — eine Betriebsrente, Mieteinnahmen, ein Riester-Guthaben — gehören in die Gesamtrechnung. Der ETF-Entnahmeplan ist selten die einzige Quelle, sondern meist das flexible Herzstück, das die Lücken füllt, die andere Einkünfte offenlassen.

Wer all das einmal nüchtern durchrechnet, gewinnt vor allem eines: Sicherheit. Zu wissen, wie viel man entnehmen kann und wie lange das Vermögen trägt, nimmt dem Ruhestand die finanzielle Angst — und genau das ist der eigentliche Zweck des ganzen Aufbaus.

Der ETF-Entnahmeplan ist die Disziplin, über die am wenigsten gesprochen wird und die am meisten über ein sorgenfreies Alter entscheidet. Eine vorsichtige Entnahmequote, ein Cash-Puffer gegen Crashs und die Bereitschaft, in schwachen Jahren flexibel zu bleiben — mehr braucht es nicht, um aus angespartem Vermögen ein verlässliches Einkommen zu machen, das hält.

#ETF Entnahmeplan#Ruhestand#Auszahlplan#Finanzen
Patrick
Geschrieben von
Patrick
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