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Die 4-Prozent-Regel — und warum in Deutschland eher 3,5 % gelten

Wie viel darf man jährlich aus dem Depot entnehmen, ohne dass es ausgeht? Die 4-Prozent-Regel liefert eine Faustzahl — doch für Deutschland ist Vorsicht geboten. Was hinter der Safe Withdrawal Rate steckt.

Patrick
Patrick
Autor · Körper & passives Investieren
14. MÄRZ 20268 MIN LESEZEIT

Wer vom Ersparten leben will, stößt unweigerlich auf die berühmteste Faustregel der Finanzwelt: die 4-Prozent-Regel. Sie verspricht eine einfache Antwort auf eine komplizierte Frage — wie viel man jährlich entnehmen kann, ohne dass das Geld ausgeht. So nützlich die Regel als Orientierung ist, so wichtig ist es, ihre Grenzen zu kennen, gerade in Deutschland.

Im Kern besagt die Regel: Du entnimmst im ersten Jahr vier Prozent deines Vermögens und passt diesen Betrag in den Folgejahren nur an die Inflation an. Mit hoher Wahrscheinlichkeit reicht das Depot dann mindestens 30 Jahre. Bei einer Million Euro wären das 40.000 Euro im ersten Jahr.

Woher die Regel stammt

Die 4-Prozent-Regel geht auf die sogenannte Trinity-Studie aus den USA zurück. Forscher untersuchten, welche Entnahmerate über rollierende 30-Jahres-Zeiträume historisch durchgehalten hätte, ohne das Kapital zu erschöpfen. Bei einem gemischten Aktien-Anleihen-Portfolio erwies sich rund vier Prozent als erstaunlich robust. Wichtig: Es ist eine statistische Aussage über die Vergangenheit, kein physikalisches Gesetz für die Zukunft.

Das Sequenzrisiko

Die größte Gefahr für jeden Entnahmeplan hat einen Namen: das Sequenzrisiko. Es beschreibt, dass nicht nur die durchschnittliche Rendite zählt, sondern auch ihre Reihenfolge. Wer gleich in den ersten Entnahmejahren in einen schweren Crash gerät und trotzdem entnimmt, verkauft viele Anteile zu niedrigen Kursen — dem Depot fehlt dann die Substanz, sich später zu erholen. Dieselbe Durchschnittsrendite kann bei schlechter Reihenfolge zum Ruin und bei guter zum Wohlstand führen.

Warum Deutschland anders ist

Die Trinity-Studie rechnete mit US-Bedingungen. In Deutschland kommt ein Faktor hinzu, der die Regel optimistischer erscheinen lässt, als sie ist: die Steuer. Auf Kapitalerträge fällt hierzulande Abgeltungsteuer an, die die Netto-Entnahme schmälert. Deshalb raten viele Experten für deutsche Anleger zu einer vorsichtigeren Safe Withdrawal Rate von etwa 3 bis 3,5 Prozent. Das klingt nach wenig Unterschied, erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit über lange Zeiträume aber spürbar.

Was die niedrigere Rate konkret bedeutet

Bei 500.000 Euro Depot bedeutet der Unterschied zwischen vier und dreieinhalb Prozent rund 20.000 statt knapp 17.500 Euro im ersten Jahr. Das ist verzichtbar, wenn dafür die Wahrscheinlichkeit steigt, dass das Geld ein Leben lang trägt. Wer länger als 30 Jahre plant — etwa bei frühem Ausstieg aus dem Berufsleben —, sollte ohnehin konservativer rechnen, denn je länger der Zeitraum, desto unsicherer die Faustregel.

Flexibilität schlägt Starrheit

Die starre Regel lässt sich entschärfen, indem man flexibel entnimmt: In Jahren mit guter Marktentwicklung gönnt man sich etwas mehr, in schwachen Jahren reduziert man bewusst. Schon ein moderates Anpassen der Entnahme an die Lage senkt das Risiko, das Kapital vorzeitig aufzuzehren, erheblich. Wer bereit ist, in einem Crash-Jahr den Gürtel enger zu schnallen, kann im Schnitt sogar etwas mehr entnehmen als der starre Planer.

Der Cash-Puffer

Ergänzend wirkt ein Liquiditätspolster aus zwei bis drei Jahresentnahmen Wunder. Es erlaubt, in einem Einbruch vorübergehend vom Tagesgeld zu leben, statt Anteile im Tief zu verkaufen — die direkte Antwort auf das Sequenzrisiko. Dieser Puffer ist kein totes Kapital, sondern die Versicherung, die den ganzen Entnahmeplan stabilisiert.

“Die 4-Prozent-Regel ist kein Versprechen, sondern eine Wahrscheinlichkeit. In Deutschland mit höherer Steuerlast ist die vorsichtigere 3,5-Prozent-Variante das robustere Fundament.”

Keine Punktlandung erwarten

Die 4-Prozent-Regel suggeriert eine Präzision, die es nicht gibt. Niemand kennt die künftigen Renditen, die Inflation oder die eigene Lebensdauer. Die Regel ist deshalb am besten als grober Kompass zu verstehen, den man jährlich überprüft und nachjustiert — nicht als Autopilot, den man einmal einstellt und vergisst.

Wie viel Vermögen du dafür brauchst

Die Regel lässt sich umdrehen, um das nötige Zielvermögen zu schätzen. Wer jährlich 24.000 Euro aus dem Depot entnehmen möchte, braucht bei einer Entnahmerate von 3,5 Prozent rund 685.000 Euro, bei 4 Prozent etwa 600.000 Euro. Diese simple Rechnung macht ein abstraktes Ziel — finanzielle Unabhängigkeit — plötzlich greifbar und zeigt, wie weit man noch ist. Sie ersetzt keine genaue Planung, gibt aber eine ehrliche Hausnummer.

Flexibel statt stur

Die starre Regel geht von einer gleichbleibenden, nur inflationsangepassten Entnahme aus. In der Realität fahren die meisten besser, wenn sie die Entnahme an die Marktlage koppeln: in guten Börsenjahren etwas mehr, in schwachen bewusst weniger. Schon eine moderate Anpassung senkt das Risiko, das Kapital vorzeitig aufzuzehren, erheblich — und erlaubt im Schnitt sogar eine etwas höhere Durchschnittsentnahme als das stoische Festhalten an einem festen Betrag.

Je länger der Horizont, desto vorsichtiger

Die ursprüngliche Studie betrachtete 30 Jahre. Wer mit fünfzig oder früher aufhört zu arbeiten und das Geld vierzig oder fünfzig Jahre reichen muss, sollte die Entnahmerate weiter senken — Richtung drei Prozent oder darunter. Je länger der Zeitraum, desto unsicherer wird jede Faustregel, weil sich Fehler über die Jahrzehnte aufsummieren. Vorsicht am Anfang ist hier billiger als eine Korrektur, wenn das Kapital bereits schrumpft.

Was die Regel nicht leisten kann

Bei aller Nützlichkeit darf man die Grenzen nicht vergessen. Die 4-Prozent-Regel beruht auf historischen Daten eines bestimmten Marktes und einer bestimmten Aufteilung. Sie kennt weder deine persönliche Lebenserwartung noch künftige Renditen, Inflation oder Steueränderungen. Sie ist ein statistischer Anhaltspunkt, kein Versprechen — und sollte entsprechend mit Demut behandelt werden.

Deshalb ist die jährliche Überprüfung so wichtig. Wer einmal im Jahr Depotstand, Entnahmehöhe und Cash-Puffer abgleicht, erkennt früh, ob er nachjustieren muss, statt blind einer Faustzahl zu folgen, bis es zu spät ist. Ein lebendiger Plan schlägt jede starre Formel.

Und manchmal ist die ehrlichste Konsequenz, schlicht etwas länger zu arbeiten oder die Sparphase zu verlängern. Jedes zusätzliche Jahr senkt die nötige Entnahmerate spürbar und macht den ganzen Plan robuster — eine unromantische, aber wirksame Stellschraube.

Die 4-Prozent-Regel ist ein wertvoller Ausgangspunkt, um zu erahnen, welches Vermögen man für welchen Lebensstandard braucht. In Deutschland ist die vorsichtigere 3,5-Prozent-Variante das solidere Fundament. Wer sie mit Flexibilität und einem Cash-Puffer kombiniert, verwandelt eine grobe Faustregel in einen Entnahmeplan, der auch dann hält, wenn die Märkte einmal nicht mitspielen.

#4 Prozent Regel#Entnahmerate#Ruhestand#ETF
Patrick
Geschrieben von
Patrick
Fokussiert auf Gesundheit und passives Investieren.
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◆ Häufige Fragen

Was besagt die 4-Prozent-Regel?

Dass man jährlich rund 4 Prozent des Startvermögens (inflationsangepasst) entnehmen kann, ohne dass das Depot in etwa 30 Jahren aufgebraucht wird. Sie stammt aus der US-amerikanischen Trinity-Studie.

Warum gilt in Deutschland eher 3,5 Prozent?

Wegen der höheren Steuerlast auf Kapitalerträge und vorsichtigerer Annahmen. Eine etwas niedrigere Entnahmerate erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass das Vermögen reicht.

Ist die 4-Prozent-Regel eine Garantie?

Nein. Sie beruht auf historischen Daten und Wahrscheinlichkeiten. Vor allem schwache Börsenjahre direkt zu Beginn der Entnahme können die Rechnung gefährden.

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